Energiewirtschaftliche und ökologische Aspekte der Wasserkraft in Tirol

Nachdem die Diskussion über Möglichkeit, Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit des weiteren Ausbaus der Tiroler Stromproduktion aus Wasserkraft ein steter Begleiter geworden ist, möchte die Tiroler Umweltanwaltschaft anschauliche Daten und Fakten zu Stromproduktion und Stromverbrauch und zum bestehenden Wasserkraftausbau sowie seinen ökologischen Folgen bereitstellen und somit zu einer Versachlichung beitragen. Grafiken, Tabellen und Karten wurden mit öffentlich zugänglichen Daten erstellt (Quellen: statistik austria, Land Tirol), die durch die Tiroler Umweltanwaltschaft dargestellt und infolge interpretiert werden.
Pumpspeicherverluste gehen nicht in die Stromverwendung ein, da auch der erzeugte Pumpstrom nicht bei der Stromproduktion angeführt wird.

Letzte Aktualisierung: Mai 2016

 

 

Stromproduktion
2014 wurden in Tirol insgesamt 6.819 GWh (Gigawattstunden) Strom produziert. Rund 95 Prozent dieses Stroms stellte die Wasserkraft bereit, nur ein geringer Anteil wurde durch Verbrennung von Erdgas bzw. biogenen Stoffen erzeugt. Die Stromgewinnung aus Fotovoltaik betrug 2014 gerade einmal 0,6 Prozent.  

Betrachtet man die reine Stromproduktion aus Wasserkraft, so erzeugen 25 große Kraftwerke 76,8 Prozent der gesamten diesbezüglichen Strommenge, während über 900 Kleinkraftwerke nicht mehr als 5,1 Prozent produzieren (Stand Februar 2016). Damit beschränkt sich die Sinnhaftigkeit derartiger Kleinanlagen aus Sicht der Tiroler Umweltanwaltschaft vor allem auf Insellösungen zur Versorgung von Schutzhütten oder Almgebäuden.

Stromverbrauch
Der Stromverbrauch Tirols im Jahre 2014 beläuft sich auf 6.181 GWh. Den höchsten Stromverbrauch weist der Bereich Gewerbe und Industrie (2.074 GWh) auf, die privaten Haushalte verbrauchten insgesamt 1.544 GWh Strom.
Tirol erwirtschaftete 2014 somit eine rechnerische Stromüberproduktion von 638 GWh [Mit diesem Überschuss könnte neben den bereits versorgten rund 304.000 Tiroler Haushalten und der sonstigen Stromverwendung (Gewerbe und Industrie, Verkehr, Dienstleistungssektor, Landwirtschaft, Verbrauch des Sektors Energie und Netzverluste) der Strombedarf von 152.000 zusätzlichen Haushalten abgedeckt bzw. 243.511 Elektroautos (20 kWh je 100 km bei durchschnittlich 13.100 km Fahrleistung; Quellen: VCÖ und ADAC) ganzjährig betrieben werden]. 

Produktion versus Verbrauch
Ist dieser Überschuss für das Jahr 2014 (Tabelle) nur ein außergewöhnliches Ereignis oder ist Tirol längst stromautonom?
Sieht man sich eine Jahresreihe von 2009 bis 2014 an, so ist eine stete Überproduktion zu erkennen:

Tirol hat in den letzten Jahren deutlich mehr Strom produziert, als es verbraucht hat. Dabei sind zwei Trends erkennbar und von Bedeutung - erstens ist der reale Stromverbrauch seit 2005 leicht rückläufig und zweitens ist eine Steigerung des Regelarbeitsvermögens insbesondere durch Sanierung und Ausbau der Wasserkraft erkennbar.
Der erfolgte Ausbau der Wasserkraft vergrößerte das Regelarbeitsvermögen (=Arbeitsleistung eines durchschnittlichen Jahres) der heimischen Stromproduktion aus Wasserkraft von 2005 bis 2014 um 753 GWh bzw. um rund 11 Prozent. In anderen Worten wurde in dieser Zeitspanne die Arbeitsleistung von knapp drei Kraftwerken der Größenordnung Innstufe Imst-Haiming ausgebaut bzw. durch Sanierung und Ausbau bestehender Anlagen erreicht. Der Ausbau der Wasserkraft ist somit erfolgreich und in vollem Gange.
Während die Stromproduktion laufend erhöht wird, ist verbrauchsseitig ein gegenläufiger Trend zu verzeichnen: Der Stromverbrauch der wichtigsten Sektoren Gewerbe und Industrie bzw. private Haushalte ist leicht rückläufig. Private Haushalte verbrauchten 2014 rund 4,2 Prozent weniger Strom, als sie noch 2005 benötigten. Bezieht man den Umstand mitein, dass sich die Anzahl der Haushalte von 2005 bis 2014 in Tirol um 11,9 Prozent erhöht hat, ergibt sich sogar eine haushaltsspezifische Stromverbrauchsreduktion von 14,4 Prozent. Offensichtlich erledigen die Haushalte, aber auch die Bereiche Industrie, Gewerbe, Verkehr und Landwirtschaft ihre Hausaufgaben und sparen stetig Strom ein. Deutlich gestiegen ist lediglich der Stromeigenverbrauch des Sektors Energie (um 28,2 Prozent).

 

Wie viele Gewässerabschnitte können nun in Tirol noch genutzt werden, ohne die Lebensqualität nachfolgender Generationen in erheblichem Ausmaß einzuschränken?


Ökologische und landschaftsästhetische Qualitäten unserer Fließgewässer
Das Netz der Fließgewässer Tirols mit Einzugsgebietsgrößen über 10 km² weist eine Gesamtlänge von 3.984 km auf. Nur rund ein Viertel dieses Gewässernetzes (1.079 km) befindet sich in einem sehr guten ökologischen Zustand, mehr als die Hälfte dieser Fließgewässer (55 Prozent bzw. 2.193 km) sind dermaßen durch Kraftwerke und Verbauungen in ihrem ökologischen Zustand verschlechtert, dass eine gesetzliche Sanierungspflicht besteht.
Rund 32 Prozent (1.265 km) dieser größeren Fließgewässer Tirols befinden sich innerhalb von "Schutzzonen", das heißt sie haben ihren Ursprung in Tiroler Schutzgebieten und der daran anschließende Fließgewässerabschnitt weist eine natürliche bzw. naturnahe Ausprägung auf. 1,1 Prozent des Gewässernetzes sind als einzigartige Flussstrecken klassifiziert, rund 6,2 Prozent wurde in Untersuchungen des Landes Tirol das Prädikat "sehr selten" verliehen.

Stau-, Schwall- und Restwasserbelastung an unseren Fließgewässern
Sowohl die Grafik als auch die verbale Beschreibung umfassen nur jene Belastungen an unseren Fließgewässern, die in Art und Größe als erheblich einzustufen sind.
Dabei weisen 2.852 km Fließgewässer in Tirol (71,6 Prozent) ökologische Defizite aufgrund energiewirtschaftlicher Nutzungen auf. 423,4 km dieser Defizitstrecken kommen bereits in den dargestellten Schutzzonen zu liegen, die aus Sicht der Tiroler Umweltanwaltschaft im Sinne einer zukunftsfähigen Entwicklung eigentlich von größeren energiewirtschaftlichen Nutzungen ausgespart werden sollten.
Insgesamt sind in Tirol 1.016 Wasserkraftwerkanlagen und insgesamt 2.691 Wehranlagen zur Wasserentnahme (umfassen auch Kleinstanlagen) im Wasserbuch angeführt.

Schlussfolgerungen aus Sicht der Tiroler Umweltanwaltschaft

Es gibt in Tirol nur mehr sehr wenige größere Gewässerstrecken, die noch nicht durch energiewirtschaftliche Nutzung deutlich belastet sind. Es sind dies die oberen Bereiche der Ötztaler Ache und des Lechs, die Isel, das Einzugsgebiet der Brandenberger Ache, die Großache sowie die Tiroler Anteile der Leutascher Ache und der Isar.
Überlagert man diese Fließstrecken mit verschiedenen ökologischen Wertigkeiten wie z.B. Gewässerschutzzonen, sehr guten ökologischen Zuständen, einzigartigen und sehr seltenen Gewässerabschnitten wird einem sehr schnell bewusst, dass der Spielraum für neue Wasserkraftvorhaben ohne erhebliche ökologische Auswirkungen gering ist. Die Sanierung bzw. der ökologisch vertretbare Ausbau bestehender Anlagen (z.B.: Ausbau KW Finsingbach, Ausbau KW Bruckhäusl, Ausbau KW Mühlen an der Sill, etc.) bzw. einzelne neue, ökologisch vertretbare Kraftwerksvorhaben an bereits beeinträchtigten Fließstrecken (Beispiel: KW Stanzertal an der Rosanna) sind aus Sicht der Tiroler Umweltanwaltschaft eindeutig die bessere Alternative im Vergleich zu neuen Kraftwerksvorhaben an derzeit noch natürlichen bzw. naturnahen Fliessstrecken. Dies umso mehr, wenn wir einige wenige Bäche unseren nächsten Generationen möglichst naturnah weiter geben möchten.

Positionen und Empfehlungen
Aufgrund der Daten und Fakten zu Stromproduktion und Stromverbrauch, zu Ökologie und zu den bestehenden Defiziten an unseren Fließgewässern ergeben sich aus Sicht der Tiroler Umweltanwaltschaft folgende Positionen und Empfehlungen (Ausnahme: "Minikraftwerke" zur Inselversorgung von z.B. Schutzhütten):

Positionen

  • Neue Wasserfassungen von Kraftwerken nur außerhalb der Gewässerschutzzonen der Tiroler Schutzgebiete;
  • keine neuen Wasserfassungen an Gewässerabschnitten, bei denen der sehr gute Zustand einzelner Komponenten (z.B.: Wasserhaushalt, Fische, etc.) eine Verschlechterung erfahren würde;
  • keine erhebliche Beeinträchtigung von Fließstrecken, die aus naturkundlicher Sicht besonders selten, einzigartig oder von österreichweiter Bedeutung sind;
  • neue Wasserkraftwerke nur an Bächen, die einen mittleren winterlichen Abfluss von mehr als 50 Liter/Sekunde aufweisen;
  • keine neuen Wasserkraftwerke an unseren großen Fließgewässern, die die Durchgängigkeit für heimische Fischarten einschränken.

Empfehlungen

  • Gesetzliche Festlegung von Tabuzonen für Wasserkraft (=Gewässerschutzzonen);
  • Einbindung aller Interessensgruppen im Vorfeld des Genehmigungsverfahrens: Nachdem Wasserkraftwerke ein für die Allgemeinheit wertvolles Gut (Bäche und Flüsse mit funktionierendem Naturhaushalt) "entziehen", die allfälligen Folgen der Nutzung aber wiederum durch die Allgemeinheit zu tragen sind (Eingriffe in Geschiebehaushalt, Veränderung des  Grundwassers, zusätzliche Verbauungsmaßnahmen, eingeschränkter Fischbestand etc.), ist eine echte Einbindung von Stakeholdern und eine Rücksichtnahme auf die jeweiligen spezifischen Interessen aus unserer Sicht eine gesellschaftliche Notwendigkeit;
  • Angabe der Energieerzeugung in den entsprechenden physikalischen Einheiten (z.B.: Joule bzw. kWh) und nicht in "Zahl der versorgten Haushalte", da die Tiroler Haushalte bereits mehr als versorgt sind.

 

Fotos zu Gewässerstrecken mit derzeit laufenden Genehmigungsverfahren

Die Isel kurz unterhalb der geplanten Wasserfassung (Anmerkung: Das Verfahren ist derzeit "ruhend" gestellt).
Aufgeweiteter Iselabschnitt unterhalb der geplanten Rückgabe.
Die Schwarzach im Bereich der geplanten Wehranlage des Kraftwerkes Defereggental.
Die Schwarzach oberhalb der geplanten Wasserrückgabe.
Kaskadenstrecke des Kalserbaches in der geplanten Ausleitungsstrecke des Kraftwerkes Haslach.
Verzweigter flußmorphologischer Typ des Kalserbaches mit Tamariskenbewuchs in der geplanten Ausleitungsstrecke.
Durchgehende Kaskadenstrecke am Winnebach im Bereich der geplanten Ausleitung durch das SKW Kühtai.
Der geplante Fassungsstandort am Winnebach (im Bild rechts) am Ende eines wunderschönen Hochtales (Ausbau SKW Kühtai).
Der geplante Fassungsstandort im Bereich eines Felsriegels am Fischbach (Ausbau SKW Kühtai).
Verzweigter Abschnitt des Fischbaches mit hoher Erholungsfunktion unterhalb der geplanten Wasserfassung.
Die Gurgler Ache im Bereich der geplanten Staumauer (Ausbau KW Kaunertal).
Die Venter Ache im Bereich der geplanten Staumauer (Ausbau KW Kaunertal).
Der Inn bei Polling, Staubereich des geplanten Kraftwerkes Mittlerer Inn.
Die Achstürze bei Tumpen, Ausleitungsstrecke des bewilligten Kraftwerkes Tumpen-Habichen.
Der einzigartige Schranbachursprung, zugleich Ort des geplanten Fassungsbauwerkes (Ausbau SKW Kühtai).
Das unberührte, landschaftlich reizvolle und abgeschiedene Platzertal, zugleich Ort des geplanten Pumpspeichers (Ausbau KW Kaunertal).

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