Naturschutz als kulturelle Leistung

Inntal @ Werner Schwarz

Wenn man unsere Gesellschaft als System versteht, das in drei große Teilsysteme - Wirtschaft/Politik, Soziales/Kultur und Natur/Umwelt -eingebettet ist, gibt es heutzutage nur mehr wenige Länder und Kulturen, die Umwelt und Natur als den alles umfassenden und daher für das Wohlergehen fundamentalen Bereich begreifen. Heute ist es die Wirtschaft, die als Quelle finanziellen und damit materiellen Reichtums unser Leben bestimmt. Die Natur wird oft nur mehr  utilitaristisch als Spender verwertbarer Ressourcen verstanden; der Wert der Natur als Erholungsraum für den Menschen, als Kulturlandschaft und als Habitat für Fauna und Flora fallen dabei in den Hintergrund und müssen immer wieder gegen wirtschaftliche Interessen verteidigt werden.

Diese Reihung der Wertigkeiten lässt sich unter anderem mit der technologischen Entwicklung der letzten Jahrhunderte erklären, durch die der Mensch immer mehr in den Glauben hineingewachsen ist, die Oberhand über die Natur zu haben und sie zu kontrollieren. Dadurch unterscheiden sich sogenannte zivilisierte Gesellschaften von den meisten indigenen Völkern, die die Natur als ihre einzige Lebensgrundlage verstehen und sie als grosse und mächige Kraft respektieren und ehren: pacha mama, die Mutter Erde, Mutter aller Dinge.

Der Naturschutz, wie er in den westlich-geprägten Ländern seit einigen Jahrzehnten praktiziert wird, ist diesen Naturvölkern völlig unverständlich, denn die Achtung der Natur ist hier etwas Selbstverständliches; der Mensch wird selbst als ein Teil der Natur angesehen. In unserer vom technischen Fortschritt bestimmten Gesellschaft hingegen hat die Entkoppelung des Menschen von der Natur zu einem dualistischen Weltbild geführt, in dem der Mensch über der Natur zu stehen glaubt. Aus dieser Perspektive betrachtet erscheint der Naturschutz fast als ein paternalistischer Gedanke, der verdeutlicht, wie sehr wir von unserer Kontrolle über die Natur überzeugt sind.  

Aus einem weniger selbstkritischen Blickpunkt aus betrachtet ist der Naturschutz, wie wir ihn seit einigen Jahrzehnten intensiver betreiben, aber auch eine kulturelle Leistung. Denn wenn wir die Umwelt gegenüber der Ökonomie verteidigen, so geschieht das nicht primär, um die Interessen der Natur, sondern vielmehr um jene der Menschen zu vertreten. Wir haben verstanden, dass wir von den Gaben und Serviceleistungen unserer Umwelt abhängig sind und es die Natur ist, die letzlich unseren Fortbestand bestimmt- und nicht umgekehrt!